Davensberg, Burg und Flecken

Die Ersterwähnung Davensberg 1256
Die Ersterwähnung
Davensbergs 1256
Es ist sicher kein Zufall, daß der Name Davensberg im Jahre 1256 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird. Mit dieser Urkunde bestätigt Bischof Otto von Münster einen Vertrag zwischen dem Ritter Ludolf von Werne und dem Stift Cappenberg, in dem es um die Anlage einer Mühle an der Lippebrücke in Werne geht. In der Reihe von Zeugen, die mittelalterlichem Brauch gemäß zur vertraglichen Sicherung hinzugezogen werden, erscheint auch ein Hermann von Davensberg, und zwar gleich hinter Friedrich von Meinhövel und dessen Sohn Rudolf.
Die Ersterwähnung Davensbergs hängt an dem Namen eines Mannes, der aufgrund anderer Quellen auch sonst bekannt ist. Jener Hermann von Davensberg ist nämlich kein anderer als der seit 1227 oftmals auftretende Hermann von Meinhövel aus dem großen und einst mächtigen Geschlecht der Meinhövel, das zweifellos wie die Bürener, die später die Burg Davensberg übernehmen, und die Lipper, zu den bedeutendsten Edelherrengeschlechtern jener Zeit gehört hat.

Aus einer Urkunde des Jahres 1267 wird dieser Sachverhalt erst richtig deutlich. Hier nennt sich dieser Hermann "Hermannus miles de Menhovele dictus de Davensberg" (d. h. Hermann Ritter von Meinhövel gen. von Davensberg). Die schon erwähnte Urkunde von 1227, in der Hermann erstmals bezeugt ist, nennt noch zwei weitere Meinhövel-Glieder: Bernhard und Friedrich, und diese Urkunde sagt auch unmißverständlich, daß Bernhard, Friedrich und Hermann Brüder sind. Alle drei Meinhövel-Brüder treten fortan häufiger als Zeugen wie auch als Geschäftspartner auf. Jener in der Urkunde von 1256 erscheinende Friedrich von Meinhövel ist nun kein anderer als der Bruder Hermanns.


Wir müssen noch einen Augenblick bei dem Geschlecht Meinhövel verweilen. Dieses hat übrigens ein Wappen geführt, wie es später für die Ascheberger bezeugt wird.

Das Wappen der Familie von Ascheberg ist bekanntlich wiederum Bestandteil des heutigen Ortswappens geworden: in Gelb ein rotes Schildhaupt, das mit drei gelben Kugeln belegt ist. Die drei Brüder von Meinhövel, Bernhard, Friedrich und Hermann, stammen von einem Bernhard und dieser von dem auf der Burg Meinhövel sitzenden Rudolf, der sich 1139 - 1186 nachweisen läßt, ab.

Siegel des Hermann v. Meinhövel, gen. von Davensberg 1267
Siegel des Hermann v. Meinhövel, gen. von Davensberg 1267
 
Wahrscheinlich ist von den drei Brüdern Bernhard der älteste gewesen. Er wird schon 1206 genannt und scheint die Burg Meinhövel ererbt zu haben. Die offenbar jüngeren Brüder Friedrich und Hermann dagegen, von denen wiederum Friedrich der ältere gewesen zu sein scheint, finden mit ihrer Volljährigkeit keinen Platz mehr auf der väterlichen Burg. Sie werden abgefunden und müssen sich auf anderen väterlichen Gütern ansiedeln. So kommt es, daß Friedrich die Burg Botzlar bei Selm baut, wo er 1250 erstmals als Fridericus de Bozlare mit seinem Sohn Rudolph auftaucht, während Hermann um dieselbe Zeit die Burg Davensberg errichtet, als deren Inhaber er dann 1256 erstmals bezeugt ist.

Es bleibt zunächst festzuhalten, daß Hermann von Meinhövel aufgrund einer Erbteilung die Burg Davensberg angelegt hat, und daß dies um 1250 geschehen ist, womit die Meinhövel die ersten und ältesten Inhaber der Burg Davensberg gewesen sind. Werfen wir nun einen kurzen Blick auf die allgemeinere Landesgeschichte der ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts, um den Vorgang der angedeuteten Burgengründungen besser einordnen und verstehen zu können. Nach dem Sturz Heinrich des Löwen als Herzog von Sachsen und Bayern im Jahre 1180 bauten die Erzbischöfe von Köln, allen voran die überragende Persönlichkeit Konrads von Hochstaden, der, weit mehr als die übrigen benachbarten geistlichen Landesherren, in erster Linie politische Ziele verfolgte, die ihnen neuverliehene Herzogsgewalt in Südwestfalen planmäßig aus und suchten diese immer stärker auf ganz Westfalen auszudehnen. Dies geschah durch Anlage von Burgen und Städten an verkehrstechnisch wichtigen Stellen, vielfach gegenüber wehrhaften Positionen benachbarter Großer, wodurch sich die Kölner notwendig in Gegensatz zu jenen bringen mußten.

Die in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts drohende Einkreisung der Grafschaft Arnsberg durch Köln schreckte besonders die Bischöfe von Paderborn und Münster sowie den Edelherren zur Lippe auf. Sie alle betrieben gleichzeitig den Ausbau und die Befestigung ihrer Städte und Burgen voran, zunächst noch nicht in gemeinsamer Aktion, sondern jeder auf seinen Vorteil bedacht. Der münstersche Bischof, Ludwig von Holte (1226-1248), und sein Vorgänger, erhoben eine ganze Reihe stadtähnlicher Gebilde zu Städten, zuerst 1197 Coesfeld, wenig später Warendorf, 1201 Bocholt, 1212 Ahlen, dann Borken, Telgte und Beckum, und machten sie wehrhaft. Zur gleichen Zeit gingen sie an den Ausbau der Landesburgen Dülmen, Stromberg, Wolbeck und Rechede bei Olfen.

Erst während der Regierung des münsterschen Bischofs Otto zur Lippe (1247 - 1259) kam es unter den von Köln bedrohten westfälischen Großen zur Einigung, allerdings, wie wir heute wissen, zu spät und ohne nachhaltige Wirkung. Es nützte wenig, daß sich der Graf von Altena-Mark, der überhaupt erst im Schutze des Kölners hochgekommen war, auf Seiten des Arnsbergers stellte und immer mehr zum Hauptgegner Kölns wurde. Der aus der Not geborenen Einigung gegen Köln gehörten neben dem Märker schließlich der Bischof von Paderborn, Simon zur Lippe, sein münsterscher Bruder Otto, Bernhard von der Lippe sowie im Rheinland Graf Wilhelm von Jülich an. Es gelang dem Kölner aber, dieses nicht sehr fest gefügte Bündnis auseinanderzuschlagen und den Märker wie den Arnsberger auf seine Seite zu ziehen. 1254 kam es zur bewaffneten Auseinandersetzung, in der Bischof Simon von Paderborn gefangen genommen wurde.

Damit war für Köln vorerst der Weg frei zum systematischen Ausbau seiner Landesherrschaft über die bisherigen Grenzen hinaus.

In diese nur in groben Zügen geschilderte politische Situation der Zeit um 1250 läßt sich ein urkundlich kaum recht belegbarer Prozeß einordnen, der seinen Anfang mehr als 100 Jahre früher genommen hatte und um 1200 im wesentlichen abgeschlossen war, dessen Ausgang jedoch erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts anzusetzen sein dürfte: Gemeint ist das Herabsinken oder auch das Herabdrücken vormals edelfreier Geschlechter in die Ministerialität, d. h. in die rechtliche Abhängigkeit eines größeren Landesherrn. Zu diesen edelfreien Geschlechtern rechneten, wie schon bemerkt, auch die Meinhövel. Es ist gut denkbar, daß der Vater jenes 1139 erstmals bezeugten Rudolf von Meinhövel, den wir leider nicht einmal namentlich kennen, der letzte Edelfreie seines Geschlechtes gewesen ist.

Der Begriff "edelfrei" meint, etwas vereinfacht ausgedrückt, uradelige, dynastische Herkunft. Die edelfreien Familien sind die fahrenden Familien mit eigenen Grundherrschaften gewesen, unabhängig von rechtlichen Bindungen übergeordneter Natur. Die beiden Meinhövel-Brüder Rudolf und Ludolf sind schon münstersche Dienstmannen, stehen bereits in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Bischof von Münster. Gehen wir die urkundlichen Belege von 1200 bis um 1260 durch, werden wir die Meinhövel zu beinahe 100 % als Gefolgsleute des münsterschen Bischofs antreffen. 1231 ist Bernhard von Meinhövel, Bruder unseres Hermann, sogar als münsterscher Burgmann in Dülmen bezeugt. Diese noch sichtlich treue Gefolgschaft dem münsterschen Bischof gegenüber scheint um 1240 ein kurzes Zwischenspiel gehabt zu haben, will man einer sehr viel jüngeren münsterschen Bischofschronik Glauben schenken, nach der sich die Meinhövel, wohl den starken Druck des Kölners auf die übrigen westfälischen Großen ausnutzend, zu Anführern einer Opposition gegen den Bischof von Münster gemacht haben, die Ministerialität wieder abzuschütteln und alte Rechte zurückzugewinnen. Dies gelang nicht; vielmehr wurde das Oppositionsheer im Jahre 1242 in der Lüdinghauser Bauerschaft Ermen geschlagen und im Gefolge dieser Auseinandersetzung wahrscheinlich die Burg Meinhövel zerstört. Nach dieser Episode ist die ministeriale Stellung der Meinhövel und anderer westfälischer Gegenspieler des Bischofs von Münster endgültig besiegelt.

Nun erst konnte der münstersche Bischof an die Sicherung seiner Landesherrschaft nach außen denken. Es ist deshalb nur allzu verständlich, daß jetzt in einer zweiten Ausbauphase nach Befestigung der Landesburgen neue feste Häuser wie Botzlar und Davensberg angelegt wurden, das noch recht lückenlose Sicherungsnetz zu vervollständigen. Man darf wohl davon ausgehen, daß die Burgen Botzlar und Davensberg nicht nur errichtet worden sind, Meinhövel-Söhne auszustatten, sondern gleichzeitig und vornehmlich auch deshalb, im südlichen Münsterland als Bollwerke gegen Köln zu dienen. Beide liegen nämlich an strategisch wichtigen Punkten. Von Botzlar aus ließ sich die vom Lippeübergang bei Lünen über Bork und Selm nach Lüdinghausen führende Straße überwachen; mit der Burg Davensberg, die zudem im Schutz der undurchdringlichen Davert und ihres morastigen Vorfeldes gebaut war, konnte die uralte von Köln durch das Bergische Land über Dortmund, Lünen und Werne nach Münster und weiter an die See führende Fernstraße, die im hiesigen Bereich in etwa der heutigen Bundesstraße 54 entspricht, kontrolliert werden.

Eine zweite aus Südwesten von der Lippe bei Haltern über Lüdinghausen auf Drensteinfurt zulaufende und nach Osten weiterführende, die Bundesstraße 54 kreuzende bzw. an diese angebundene Verbindung - sie entspricht in etwa der Bundesstraße 58, scheint gar schon in frühgeschichtlicher Zeit bestanden zu haben. Auch sie war von Davensberg aus gut überwachbar. Es ist zudem bemerkenswert, daß Botzlar 1282 an den Bischof von Münster überging und in der Folgezeit zu einer Landesburg mit Burgmannskollegium ausgebaut wurde.

Die weitere Entwicklung des Davensberges ist bekannt und mag hier nur mit wenigen Daten skizziert sein. Der Name Davensberg erscheint erstmals 1256, die Burg dagegen wird erst 7 Jahre später, im Jahre 1263, genannt. Sie bleibt nur rund 70 Jahre, bis um 1320, im Besitz der Familie von Meinhövel und geht dann durch Heirat der Erbtochter Gerburg zur Hälfte an die Edelherrenfamilie von Büren. Die andere Hälfte folgt um 1360, als der letzte männliche Davensberger Meinhövel stirbt. Die Bürener, die als Wappenbild einen schwarzen Löwen auf weißem Grund fahren, haben die Burg nominell bis 1589 inne. Die Erbtöchter Agnes und Johanna bringen die Burg dann je zur Hälfte durch Heirat an die Familien Wolf zu Füchteln und Morrien zu Nordkirchen. 1736 wird der geteilte Besitz wieder vereinigt und seitdem von Nordkirchen aus verwaltet. Auf die sehr wechselhafte nähere Besitz- und politisehe Geschichte des Davensberges sei nicht weiter eingegangen.

Wichtiger scheint an dieser Stelle die Frage zu sein, wie man sich die Anlage der Burg, von der sich bis heute nur ein Turm und ein großer Ruinenhügel erhalten haben, vorzustellen hat. Es ist nicht möglich, ein Bild von der ältesten Anlage zu entwerfen. Dazu wäre eine umfassende Grabung nötig. Urkundliche Nachrichten oder gar Bilddokumente haben sich nicht erhalten. Nur ein einziges Mal, im Jahre 1316, ist die Rede von einer Kemenate. Auch dieses spärliche Zeugnis sagt ja nicht mehr aus, als daß es sich bei der Kemenate um einen mit einem Kamin beheizbaren Raum gehandelt hat. Und da in diesem Kaminraum der Inhaber der Burg, Hermann von Davensberg, eine Urkunde ausstellte, ist davon auszugehen, daß damit der Saal im Haupt- oder Herrenhaus gemeint ist. Dieses Haus, sicherlich ein festes Haus aus Stein, hat auf einer von Wasser umgebenen Insel gestanden, die als Oberplatz bezeichnet wurde. Ob sich dort von Anfang an noch weitere Gebäude befunden haben oder dieses Haus allein gestanden hat und vielleicht aus einem eher wehrturmartig vorzustellenden Gebilde hervorgegangen ist, mag dahingestellt bleiben.
 

Katasterkarte Oktober 1826
Übersichtshandriß der Grundsteuervermessung Ascheberg,
Flur XXIV gnt. Davensberg, aufgenommen im Oktober 1826

Der Davensberg ist eine Doppelanlage gewesen, von der man heute kaum noch etwas ahnt. Diese hat aus einer Vorburg, dem sogen. Unterplatz von ca. 825 qm Größe und einer Hauptburg, dem erwähnten Oberplatz, der rund 1000 qm groß gewesen ist, bestanden. Der Grundriß der Gesamtanlage ist aus dem Urkataster von 1826, der der Vorburg noch etwas detallierter aus einer Skizze von 1836 erkennbar. Schließlich gibt es glücklicherweise drei Ansichten von Davensberg, die um 1730 entstanden sind und die Burganlage im Aufriß darstellen. Hier mögen die Ansichten von Norden und Osten näher betrachtet werden. Beide zeigen im wesentlichen den Bestand der letzten Ausbauphase, d. h. der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Auf der Ansicht von Norden erkennt man ganz links das Haupthaus auf dem Oberplatz, geschützt von einer Mauer, die den gesamten Oberplatz wehrhaft umgeben hat. An diese ist ein nicht näher bestimmbares niedriges Gebäude angelehnt. Dann ist das Torhaus mit großem Durchlaß und hohem Überbau zu sehen, das an den heute noch erhaltenen Turm angebaut war. Eine Zugbrücke führte über einen den Oberplatz umflutenden Wasserlauf und Graben, der im Bereich des Haupthauses sichtbar ist. Der übrige Gebäudebestand gehört zur Vorburg oder zum Unterplatz. Da ist einmal das kleine Bauhaus (Wirtschaftshaus) zwischen Herrenhaus und Turm erkennbar; neben dem Turm ist das Dach der Mühle, dann Giebel und Dach des großen Bauhauses und das mächtige Torhaus zu sehen. Im Bild ganz rechts steht die Kapelle, die heutige Kirche St. Anna, und im Vordergrund fließt der Emmerbach als äußerer schützender Wasserzug. Bei der Ansicht von Osten dürfte der Standort etwa der Platz der heutigen Molkerei gewesen sein. Gut erkennbar sind der markante Burgturm, rechts daneben wahrscheinlich das kleine Bauhaus, links das große Bauhaus und das Torhaus.

Vergleichen wir die Grundrisse des Davensberges, der Burg Meinhövel und der Burg Nordkirchen miteinander, so wird - und dies bei der räumlichen Nähe aller drei Anlagen - die große Ähnlichkeit deutlich.

Ganz allgemein ist zu einem solchen wehrhaften System einer Doppelanlage, von denen es eine große Zahl im Münsterland gegeben hat, zu bemerken, daß auf der Vorburg stets die Wirtschaftsgebäude, die sog. Bauhäuser, gestanden haben, während die Hauptburg dem oder den herrschaftlichen Gebäuden vorbehalten blieb. Bei der Eininselanlage drängten sich alle Gebäude auf dem einen Platz zusammen.

Das mittelalterliche Wehrsystem solcher und ähnlicher Anlagen ist im 15. Jahrhundert veraltet, die Bauten sind wehrtechnisch längst unmodern geworden, ja eng und unbequem und nicht mehr repräsentativ genug. Überall in deutschen Landen, so auch in Westfalen, setzt eine Zeit großer baulicher Tätigkeit ein; man würde heute sagen: ein Bauboom bricht los. Was sich im Süden und Westen des Reichs einige Jahrzehnte früher vollzieht, kommt hier in unserem Raum erst in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Gang. Der landsässige Adel baut, dem Stilempfinden und den Bedürfnissen der Zeit entsprechend, seine ehemals festen und wehrhaften Häuser zu mehr oder minder großangelegten Schloßanlagen aus. In Davensberg oder auf dem Davensberg tun dies Balthasar von Büren (+ 1518) und sein Sohn Johann (+ 1544). Sie sind es gewesen, die Hauptburg und Vorburg gänzlich umgestaltet haben. Inwieweit sie dabei ältere Substanz miteinbezogen haben, läßt sich ohne genaue Bau- und Bodenuntersuchung leider nicht sagen.
 

Kamin im Burgturm mit Wappen Büren-Coevorden
Kamin im Burgturm mit
Wappen Büren-Coevorden
Für den Turm läßt sich noch ein weiterer Datierungsanhalt beibringen: die beiden Wappen am Kamin der Burgstube. Sie können frühestens 1521, dem Datum der Eheschließung des Johann von Büren mit Maria von Coevorden, angebracht worden sein. Der Ausbau des Burgturms läßt sich also für die Zeit zwischen 1521 und 1530 festlegen. Erst in jüngerer Zeit, nicht vor dem 14. oder 15. Jahrhundert, haben sich im Vorfeld der Burg, geschützt durch den Emmerbach, einige Häuschen angesiedelt, in denen Handwerker gewohnt haben, die der Burg dienstpflichtig gewesen sind. 

Bis kurz vor 1800 haben nie mehr als 12 ärmliche Häuser auf der Freiheit gestanden, wie das Vorfeld der Burg genannt wurde. Diese Freiheit ist ein besonderer, abgegrenzter Rechts- und Schutzbezirk gewesen, der den dort Lebenden Rechte und Schutz der Burginhaber garantierte und sich dadurch von den außerhalb dieses Bezirks Wohnenden unterschied. Einzelheiten sind uns für Davensberg leider nicht bekannt.
 
Bild des Wandermalers Roidkin 1725
Bild des Wandermalers Roidkin - Davensberg um 1725

In der Literatur wird immer wieder davon gesprochen, daß auf dem Terrain, auf dem sich die erwähnten Handwerkshäuschen angesiedelt haben, vordem Burgmannshöfe gestanden hätten, da 1286 mehrere Davensberger Burgmänner erscheinen. Burgmänner waren wehrhafte adelige Dienstleute, die selbst in festen Häusern, d. h. Steinhäusern, gewohnt haben, wie sie heute noch beispielsweise in Horstmar zu sehen sind.

Die namentlich aufgeführten Burgmänner, mit Ausnahme der beiden auf dem Davensberg wohnenden Meinhövel-Brüder Gerlach und Bernhard, Söhne des Burginhabers Hermann von Meinhövel-Davensberg, haben gar nicht auf der Burg Davensberg selbst, sondern in unmittelbarer Nähe auf ihren eigenen festen Häusern gesessen, wie etwa die genannten Herren von Ascheberg und die von Steinhorst.

Aus der leider erst für 1498 / 99 vorliegenden ältesten Steuerliste des Fürstbistums Münster, in der auch Davensberg mit seinen Einwohnern verzeichnet steht, geht hervor, daß damals auf der Freiheit 11 Häuser, die von 50 - 60 Personen bewohnt waren, gestanden haben. Sie wurden, wie schon erwähnt, von Handwerkern und sonstigen Bediensteten der Burg unterhalten, dem Schmied, dem Pförtner, dem Müller, dem Koch, dem Küster, dem Schneider, ferner von einem Wirt und einigen im Tagelohn Arbeitenden oder geringen Ackerbau und Viehzucht Treibenden. Noch heute deuten Davensberger Familiennamen auf diese Zusammenhänge hin.

In diese Aus- und Umbauphase gehört der heute noch stehende Turm, an dem ein Wappenstein angebracht ist, der erst kürzlich restauriert worden ist. Er zeigt zwei sich gegenüberstehende Wappen, links das Bürensche, rechts das von Wickede, und erinnert an die Ehe des Balthasar von Büren mit Elisabeth von Wickede. Ob der Stein allerdings schon ursprünglich dort am Turm befestigt worden ist oder an anderer Stelle, vielleicht am Portal des Haupthauses gesessen hat, wird sich wohl kaum noch klären lassen.
 

Wappenstein am Burgturm
Wappenstein am Burgturm
Der Wappenstein weist eine Datierung auf, die heute nicht mehr sichtbar, doch auch früher nie richtig zu sehen gewesen ist. Sie lautet auf das Jahr 1530. Bei der Restaurierung des Steins ist diese Zahl eindeutig festgestellt worden. Über den beiden Helmzieren, oben auf der Kante des Steins, steht in gotischer Schrift und römischen Zahlzeichen "anno 1530".

Wie ist diese Jahreszahl zu verstehen?

Sie hat doch weder auf das Datum der Eheschließung des Balthasar von Büren und der Elisabeth von Wickede (1476) noch auf die des Sohnes Johann und der Maria von Coevorden Bezug (1521). Sie kann demnach nur auf die Fertigstellung des Turmes oder eines anderen Gebäudes Bezug nehmen, sollte der Wappenstein am Turm nicht originär angebracht sein.

Es ist auch nicht einmal sicher zu sagen, ob Wappendarstellung und Datierung gleichzeitig entstanden sind. Durchaus denkbar ist es nämlich, daß der Stein von Balthasar von Büren und seiner Gemahlin geschaffen, das Datum aber erst später vom Sohn Johann hinzugefügt worden ist. Sollten Stein und Datum jedoch gleichzeitig entstanden sein, kann der Stein nur als Gedenkstein des Sohnes für Vater und Mutter als Erbauer der neuen Burg und das Datum 1530 als Vollendungsdatum des Turms, vielleicht sogar der gesamten neuen Anlage, aufgefaßt werden. Ein späteres Datum ist nicht überliefert, dagegen aber ein jüngeres von 1519 für das Torhaus, das noch bis 1855 gestanden hat und zu dem jene beiden heute noch fragmentarisch erhaltenen wappenhaltenden Löwen gehört haben. Mithin hat der Sohn Johann, der mit dem Tod Balthasars 1518 die Burg übernimmt, sowohl das Torhaus 1519 als auch den Turm oder die gesamte Anlage 1530 fertiggestellt.



Dr. Helmut Müller

(entnommen dem Buch "Davensberg, Burg und Flecken", Wilhelm Henrichmann, Heimatverein Davensberg)